Das Spiel mit dem Zufall und der Wahrscheinlichkeit in Hanns Heinz Ewers "Alraune"

von Sabine Frost

Der Mythos

Die Alraune (Mandragora Officinarum) wird bereits seit dem Altertum auf Grund ihrer Wirkung als Aphrodisiakum, Psychoaktivum und Narkotikum als Zauberpflanze genutzt. Allein die Zusammensetzung des Namens deutet auf den mystischen Charakter jenes Gewächses, wobei er sich zum Einen auf Alb, den Nachtmahr bezieht, der wie die dämonischen Verkörperungen sexueller Nachtträume Incubus und Sucubus mit den Abgründen nächtlicher Dunkelheit konfrontiert. Desweiteren bezieht sich der Name aber auch auf das Geheimnis, das in dem Wort "raune"oder "runa" steckt. Der Mythos berichtet von einer menschenähnlichen, androgynen Wurzel, die ihrem Besitzer Glück bringt, denjenigen jedoch, von dem sie Besitz ergreift ins Verderben stürzt. Mit diesem Risiko vor Augen kann man sich der Alraune bemächtigen. Wenn ein Mörder gehenkt wird und seinen letzten Samen in dem Moment in die Erde lässt, in dem der Strick ihm das Genick bricht, empfängt die fruchtbare Erde diesen Samen und lässt an dieser Stelle eine Alraune gedeihen. Bei Vollmond zur Mitternachtsstunde muss die Wurzel ausgegraben werden, jedoch müssen die Ohren fest mit Watte und Wachs verschlossen sein, um bei dem entsetztlichen Geschrei der Wurzel beim Entreißen der Erde nicht dem Wahnsinn zu verfallen. So berichtet es der Mythos.

Der Roman

In dem Roman stoßen der Student Frank Braun und sein Onkel der Geheimrat und alchemistisch anmutende Wissenschaftler Jakob ten Brinken durch Zufall auf eine Alraune- Wurzel und deren Mythos und beschließen, ein menschliches Alraune- Wesen zu schaffen. Jenes Experiment ist weniger eine Suche nach Glück und Liebe, vielmehr ein Spiel mit der Schöpfung aus wissenschaftlicher Neugier resultierend. Als Vater dient ein Lustmörder, mit dessen Samen die Hure Al(ma) Raune, welche sich jedem so verschwenderisch hingibt wie die Erde selbst, künstlich befruchtet wird. Das daraus erschaffene Mädchen Alraune verkörpert augenscheinlich tatsächlich jenen Mythos, allerdings sind die Ereignisse vom Autor bewusst derart angelegt, dass unentscheidbar bleibt, ob es sich nicht nur um bloße Zufälle handelt.
Die Eigenschaften, die Alraune vom Normalen abweichen lassen und dem Mythos näher bringen, sind nicht nur die Umstände ihrer Geburt: sie kommt unter entsetzlichem Geschrei auf die Welt, das keiner der Anwesenden bei einer Geburt je vernahm, der Tod der Mutter, die androgyne Erscheinung und die zusammengewachsenen Oberschenkel wie es auch bei der Wurzel der Fall ist.
Sonderbar sind auch Alraunes Immunität gegenüber Krankenheiten und Giften, ihre Passivität, mit der sie andere Menschen beeinflussen oder Geschehnisse herbeiführen kann. So treibt sie bereits als Kind an sich gute Menschen zu Greueltaten und verschafft ihrem Ziehvater, dem Geheimrat ten Brinken ein ungeheures Vermögen durch Geschäfte, die mit dem Erdreich in Verbindung stehen.
Am schwerwiegendsten ist jedoch das Phänomen, dass all jene sterben, die Alraune lieben und von ihr besessen werden.
Ewers spielt mit der Unentscheidbarkeit, ob diese Ereignisse nun aus Zufall heraus passieren oder tatsächlich mit dem Mythos in Verbindung gebracht werden können. Erst durch die Häufung der Ereignisse und das Vorwissen über den Mythos deutet man jene Geschehnisse in diesem Zusammenhang. Abgesehen von Häufung und Konstellation, hat jedes Ereignis für sich nichts Ungewöhnliches an sich.

Alraune und der Zufall

Ein Zufall fällt im Grunde erst dann auf, wenn er massenhaft auftritt oder sich im Bereich extremer Ereignisse bewegt. Wenn man davon ausgeht, dass drei verschiedene Arten von Ereignissen existieren: die positiven, negativen (untereinander nach Intensität abgestuft) und normalen, so fallen letztere aus unserem Bewusstsein, da sie uns zu banal erscheinen. Eine sonderbare menschliche Eigenschaft ist das Vertrauen auf die gleichmäßige Verteilung des Zufalls. Jedoch hat der Zufall kein Gedächtnis und kann demnach nicht "gerecht" handeln. Ähnlich einem Würfelspiel wächst die Wahrscheinlichkeit, einen hohen Wurf zu erzielen nicht mit der Häufigkeit der Würfe. Jeder Wurf hält die gleichen Chancen bereit und welche Zahl dann tatsächlich liegt- das entscheidet nur der Zufall. Das Spekulieren mit der Wahrscheinlichkeit, wie eben beim Glücksspiel, dass nach unzähligen niedrigen Würfen nun doch endlich ein hoher Wurf kommen muss, ist in dem Sinne recht unlogisch. Doch entgegen der Logik des Zufalls glauben wir an seine Gerechtigkeit: Soldaten suchen Schutz in Kratern in der Annahme, eine Bombe wird dort kein zweites Mail einschlagen bzw. gerät unser Glauben an die Gerechtigkeit des Zufalls erst dann ins Wanken, wenn beispielsweise mehrere Flugzeuge an ein und derselben Stelle abstürzen.
Selbst wenn man also diese drei Arten von Ereignissen benennen kann, lässt sich kein Intervall bestimmen, keine Regelmäßigkeit, wann welches Ereigniss eintritt.
Mit dieser angenommenen Gleichmäßigkeit des Zufalls wird auch in dem Roman "Alraune" gespielt, was sich sehr deutlich bei jenen zeigt, die der Alraune verfallen und dann zu Grunde gehen.
Im Roman sind dies zwei Frauen und fünf Männer, die der Alraune verfallen und das Schicksal der letzteren soll hier kurz exemplarisch skizziert werden:
Die Freunde Karl Mohnen und Karl Geroldingen duellieren sich aufgestachelt durch Alraune. Der Leser geht davon aus, dass Geroldingen auf Grund seiner militärischen Erfahrungen als Sieger aus dem Duell hervorgeht, doch er wird von seinem Freund, der nur panisch durch die Luft schießt mitten ins Herz getroffen, hindurch durch ein Maskottchen der Alraune, das in seiner Brusttasche steckte. Der "Sieger" des Duells hingegen, ließ sein Maskottchen der Alraune in seinem Zimmer zurück.
Weiterhin stirbt der Chauffeur Matthieu Maria Raspe durch einen Autounfall. Gegen seinen Willen treibt ihn die Alraune zu unkontrolliertem Fahren und bleibt selbst bei dem Unfall völlig unverletzt.
Auch Wolf Gontram, der mit Alraune aufwächst und ihr seit seiner Kindheit verfallen ist, stirbt nach einem durchtanzten Faschingsball, bei welchem ihn die Alraune auf den Balkon lockte, an einer Lungenentzündung. Sie selbst trägt nicht einmal eine leichte Grippe davon.
Zuletzt verfällt ihr auch ihr Ziehvater, der Geheimrat ten Brinken. Diesen bringt sie mit knabenhaften Verkleidungen um den Verstand. Im Laufe des Romans wird bei ten Brinken eine pädophile Neigung deutlich, die dann auch zu einer Vergewaltigung eines jungen Mädchens führt. Um den Verstand gebracht vernachlässigt ten Brinken seine Geschäfte, verliert einen Großteil seines Reichtums und dadurch auch seine Macht. Als ihm die Polizei auf der Spur ist und die Alraune sich weigert, mit ihm zu flüchten, erhängt er sich.
Als letzte Rache setzt er seinen Neffen Frank Braun als Vormund der Alraune ein. Noch vor der Beendigung des Experimentes hatte sich Frank Braun von den kriminellen Machenschaften seines Onkels distanziert und ist als geistiger Erschaffer der Alraune seinem "Wesen" noch niemals begegnet.
Durch die Vormundschaft will der Geheimrat diese Konfrontation nun jedoch erzwingen, damit auch Frank Braun an jenem Fluch zu Grunde geht.

Das Glücksspiel

Ein weiteres Indiz für den Zufall in "Alraune" ist das Erwecken des Glücksspielcharakters. Das ganze Experiment trägt diesen Charakter, da man nicht weiß, welche Kräfte man wirklich damit weckt und im metaphorischen Sinne alles auf eine Karte setzt, um entweder den höchsten Gewinn oder den tiefsten Verlust davon zu tragen. Allein das Gelingen des Experimentes jedoch trägt die Fahne des Zufälligen.
Überspitzt dargestellt wird der Glücksspielcharakter in jenem Knobelbecher, der aus dem Schädel der Mutter, der Hure Alma gefertigt wurde, mitsamt seinen knöchernen Würfeln aus den Wirbeln des Mörders Noerissen. Diese schicksalhafte Zusammenfügung der Reste der leiblichen Eltern der Alraune durch einen Präparator, der deren Bestimmung nicht kennt, erscheint schon besonders. Die Eltern verkörpern somit im wahrsten Sinne des Wortes das Glücksspiel und das daraus erschaffene Mädchen Alraune kann als das Ergebnis des Glücksspiels angesehen werden. Nur ihre Bestimmung, ist sie Gewinn oder Verlust, scheint noch unklar und abwechselnd in jedes Extrem schwankend. Die Eltern, die Hure und der Mörder, stehen für die Lasterhaftigkeit, die Sünde, das Verrufene schlechthin, das auch mit dem Glücksspiel assoziiert wird. Das Risiko des Glücksspiels ist, dass man die höchsten Höhen aber auch die tiefsten Tiefen erreichen kann und alles augenscheinlich auf dem bloßen Zufall basiert.
Ebenso ist auch der Mythos oder die Gestalt der Alraune im Roman konzipiert: Alraune verkörpert zum Einen die Sehnsüchte der Menschen und ihre Träume von Reichtum, Glück und Liebe. Zum Anderen stellt sie auch die Ängste der Menschen dar, indem sie Unglück, Tod und Untergang hervorruft. In diesem Sinne ist die Alraune eine Verkörperung des Monströsen. Das, was genau geplant und berechnet erschaffen werden sollte, wenn nicht unter Ausschluss, so doch mit zurückgedrängtem Zufall, besteht letztendlich nur durch eine Reihe von Zufällen, die ähnlich einem Glücksspiel das eine oder andere Extrem hervorrufen.
Die sonderbaren Eigenschaften der Alraune, die im Sinne des Mythos gedeutet werden, werfen jedoch auch die Frage auf, ob Alraune tatsächlich jenem Mythos entspricht oder auf Grund ihrer Eigenschaften und eben diesen zufälligen Begebenheiten dazu gemacht wurde und nun alle folgenden Ereignisse unter diesem Aspekt betrachtet werden.

Der Zufall als Gott der Gottlosen- Schnittstellen zum Göttlichen in "Alraune"

"Denn es ist dir etwas gegeben, was nur einem wird unter aber Millionen Menschen: es ward dir die Möglichkeit-Gott zu versuchen! Wenn er lebt, dein Gott, so muss er dir Antwort geben auf diese freche Frage!"
heißt es in dem anfänglichen Gespräch zwischen Frank Braun und dem Geheimrat. Durch das Schaffen eines eigenen Wesens, das in seinen Fähigkeiten sogar über dem Menschen steht, wendet sich ten Brinken jedoch von seinem Gott ab. Er versucht ihn nicht nur mit seiner frechen Frage, sondern nimmt mit seinem eigenen Schöpfungsakt dessen Stelle ein.
Sichtbar wird dies auch bei seinem Tod, als er seinen Strick an den Haken hängt, an dem eigentlich ein Holzkreuz befestigt ist und sich selbst als "würdigen Vertreter" bezeichnet.
Das Göttliche spielt aber auch in einer anderen Hinsicht eine bedeutsame Rolle: Im Kampf zwischen dem Wurzelmännchen und der Idee, die es mit sich brachte und dem Heiligen Johann von Nepomuk, dessen Statue auf dem Sitz der ten Brinken weilt und dessen ewig brennende Lichter Zeichen seines Schutzes sind. In jener Nacht, in der das Wesen Alraune erdacht wurde, wendet sich Frank Braun bei seinem Heimweg an die Statue des Heiligen und bittet ihn um den Schutz vor der Liebe. Diese Hinwendung zum Göttlichen kann als einer der Gründe angesehen werden, weshalb er letztendlich vor seinem Untergang bewahrt wird. Nachdem er die Vormundschaft der Alraune antritt und ihrer Gegenwart ausgesetzt ist, verfällt auch er ihr. Auch wenn die Alraune seine Liebe erwidert, schützt ihn das nicht, denn Unfälle, in denen er knapp dem Tode entkommt, zeigen das Spiel mit dem Schicksal. Dennoch vermag keiner, den anderen zu lassen und schließlich ist es die Alraune selbst, die ihn der Gefahr entzieht, indem sie schlafwandelnd vom Dach des Hauses stürzt.
Den Kampf zwischen der göttlichen Fügung und dem Hinwegsetzen über diese, auch als Auseinandersetzung mit dem Schicksal und dem Wunsch, den Zufall zu überwinden, legt Ewers ganz bewusst zwischen die Alraune- Wurzel und den Familienheiligen. In seinem nächtlichen Gespräch kündigt Frank Braun an, dass eine unheimliche Macht in jenes Haus gezogen ist und tatsächlich erlöschen die Lichter des Johann von Nepomuk, als die Alraune auf den Sitz der ten Brinken kommt.
Durch diesen Kampf erhält die Geschichte einen Berührungspunkt zum Metaphysischen, der dem Leser wiederum suggeriert, dass die Geschehnisse keine Zufälle sind, sondern auch in dieser Richtung gedeutet werden können. Der Versuch, Gottes Stelle einzunehmen, ist kein ungestrafter- deutlich wird das im Risiko, dass Reichtum und Glück in dessen Gegenteil verkehrt werden können und der Zufall, den man zu überwinden trachtete, mit größerer Macht zuschlägt.

Von der Idee, einen künstlichen Menschen zu schaffen

Das Wort künstlich schließt im Grunde schon den Zufall aus, doch ein Ausspruch Friedrich Dürrenmatts aus seinen "Physikern" wird auch hier treffend: "Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen."
Die künstliche Befruchtung und das Schaffen eines perfekten Menschen als Romanthema erregte die Gemüter seiner Zeit zur Genüge. Dieses Streben nach Perfektion und Schöpfung begleitet die Menschen jedoch schon seit Längerem: man betrachte da den Golem in der jüdischen Mythologie, Frankensteins Auswüchse oder um in der Zeit Ewers zu bleiben die Maschinenfrau aus "Metropolis". Sie alle haben eines gemeinsam: die fehlentwickelte und monströse Perfektion, der Gedanke der scheinbaren Vollkommenheit wird somit zu einer bedrohlichen Idee.
Tendenzen der Gegenwart von Genforschung bis zur Erschaffung virtueller Welten hinterlassen die Frage, was die Menschen damals wie heute an der Idee faszinierte, einen Menschen zu schaffen, der perfekt ist. Liegt es an der eigenen Unzulänglichkeit, der Schwäche und Sterblichkeit des Menschen oder versucht er, sich damit aus den Zwängen des Schicksals und des Zufalls zu befreien und sein Leben selbstbestimmend in die Hand zu nehmen?



(C) 2002 by Sabine Frost